Die Chronik von Mindrolling Teil I

Der Ursprung der Mindrolling-Linie

Wie wir heute wissen, hat sich die Mindrolling-Linie historisch gesehen aus der Nyö-Linie Tibets entwickelt. Zum anderen wird gesagt, dass die Mindrolling-Linie ihren Anfang in der Zeit der Errichtung des Mindrolling Klosters in Drachi (in der Nähe von Lhasa) hat und sodann als Mindrolling Familien-Linie bekannt wurde. Tatsächlich ist diese Linie geschichtlich gesehen jedoch viel älter. 
Die ursprüngliche Familien-Linie, die später weithin als Mindrolling-Linie bekannt wurde, datiert lange bevor das Mindrolling Kloster errichtet wurde. Diese Familien-Linie ist als Nyö-Linie bekannt und wird oft als die ‚Glorreiche Nyö-Linie‘ bezeichnet. Alle Mitglieder der Mindrolling Familien-Linie gelten deshalb auch als Abkömmlinge dieser Nyö-Linie.
Schon lange vor der Errichtung des Mindrolling Klosters in Drachi war die Nyö Familien-Linie in Dargye Chöling in Dranang ansässig. Das Kloster wurde von Tsele Natsog Rangdrol, einer Emanation des Tertön Ratna Lingpa, gegründet. Nach Tsele Natsog Rangdrol wurde es der Sitz von Tenzin Drakpa, einer Emanation des Tertön Pema Lingpa. Später war es der Sitz von Nyö Khedrub Dongag Tenzin, der eine Emanation von Tsele Natsog Rangdrol und einer der führenden Meister seiner Zeit war. Nach Khedrub Dongag Tenzin übernahm sein Sohn, Sangdag Thrinley Lhündrub, eine Emanation von Nub Sangye Yeshe den Sitz in Dargye Chöling und der König der Lehre, Rigzin Terdag Lingpa, wurde als sein Sohn geboren.
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Nyö Jachung Karpo, der Gründer des Nyö-Klans

Es wird gesagt, dass der Grund für das Studium der Geschichte von Linien nicht darin besteht, seine Kaste oder seine Geburt zu bewahren wie es bei den Brahmanen der Fall ist, sondern dass man durch das Lesen der Lebensgeschichte großer Meister außerordentlichen Verdienst ansammeln und durch ihre Aktivitäten inspiriert werden kann.
Der Ursprung der Nyö Linie reicht weit zurück in eine Zeit, lange bevor sich der Buddhismus in Tibet ausbreitete. Es wird überliefert, dass zu einer Zeit, als Tibet gerade besiedelt worden war, die Menschen in der Morgendämmerung einen gut aussehenden weiß gekleideten jungen Mann vom Berg Jomo Kharag in Tsang hinabsteigen sahen. Er besaß alle Qualitäten eines Deva, strahlte Licht aus und hatte eine sehr friedvolle Erscheinung. Keiner kannte ihn oder hatte ihn je zuvor gesehen.  Niemand verstand seine Sprache, doch wegen seines Leuchtens und seiner wundersamen Erscheinung trugen sie ihn auf ihren Schultern und verehrten ihn als himmlisches Wesen.
Die Menschen nannten ihn Jachung Karpo oder ‚der weißer Garuda‘, weil er so majestätisch und wunderschön anzusehen war und auf die Erde herab gekommen war. Er war ein Deva aus den Deva-Bereichen, doch aufgrund der starken Nähe zu Menschen, die von ihm verzaubert waren und ihn ständig umgaben, wurde dieser Devaputra (Sohn der Devas) durch ‚mi drib‘ oder ‚drib‘ von Menschen verunreinigt und konnte daraufhin nicht in seinen Deva-Bereich zurückkehren. Es heißt, er sei leicht von menschlicher Unreinheit ‚vergiftet‘ gewesen und so wurden seine Abkömmlinge  ‚Nyö‘ genannt. 
Das tibetische Wort ’smyos‘ ist von dem ursprünglichen Wort ‚myos‘ abgeleitet. ‚Myos‘ bedeutet wörtlich ‚vergiftet‘ und ’smyos‘ bedeutet wörtlich ‚verrückt‘ . Seither wird von vielen Mitgliedern der Nyö Linie berichtet, dass sie verrückte Weisheit und Mahasiddha ähnliches Verhalten zeigten und dadurch zu der mehrschichtigen Bedeutung des Wortes ’nyö‘ (smyos) im Namen der Linie beitrugen.
Nyö Jachung Karpo heiratete die Prinzessin von ‚rmu‘, Ding Mo Tsün Shö (rmu lcam ding mo btsun bshos), die selbst eine Weisheits-Dakini war und ihre Nachkommen wurden die Nyö genannt und die Linie wurde von da an Palden Nyörig oder die Glorreiche Nyö Linie genannt.
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Die Nyö-Linie

Folgende Nachkommen aus der Linie der Nyö sind bekannt:

  • Nyö Jachung Karpo (smyos bya khyung dkar po) heiratete Mü Cam Ding Mo Tsün Shö
  • Nyö Je Tsenpo (smyos rje btsan po) heiratete Dongza Karmo
  • Nyö Senge Shakya (seng ge shakya) heiratete Mü Za Menmo Tsün Shö (rmu gza‘ sman mo btsun bshos) und hatte vier Söhne – Dra Khar Je, Je Phen, Yag Je und Gur Je
  • Nyö Dra Khar Je (smyos gra mkhar rje) hatte zwei Söhne – Thug Je und Zhang Nge
  • Nyö Zhang Nge (zhang nge)
  • Nyö Dri De (smyos ‚bri lde) – Sohn von Zhang Nge
  • Nyö Dri Chung (smyos ‚bri chung)
  • Nyö Palgyi Yönten (smyos dpal gyi yon tan)
  • Nyö Lopön Tshulyön (smyos slob dpon tshul yon)
  • Nyö Guru (smyos guru)
  • Nyö Lhaphen (smyos lha phan)
  • Nyö Thugyal (smyos mthu rgyal)
  • Nyö Lo Yönten Drag (smyos lo yon tan grags)
  • Nyö Tsang Dorje Lama (smyos gtsang rdo rje blama)
  • Nyö Palgyi Senge (myos dpal gyi seng ge)
  • Nyö Nag Dragpa Pal (smyos nag grags pa dpal)- Emanation des Dharma-Königs Ashoka
  • Nyö Gyalwa Lha Nangpa (smyos rgyal ba lha nang pa)
  • Nyö Tashi Wangchug (smyos bkra shis dbang phyugs)
  • Nyö Dragpa Dorje (smyos zhig chen po grags pa rdor je)
  • Nyö Padma Dorje (smyos sgom chen po pad ma rdo rje)
  • Nyö Tön A Mi Kirti (smyos ston aa mi kirti)
  • Nyö Tön Dragpa Tashi (smyos ston grags pa bkra shis)
  • Nyö Tön Dragpa Rinchen (smyos ston grags pa rin chen)
  • Nyö Dragpa Özer (smyos grags pa ‚od zer) und Nyö Dragpa Gyaltsen (grags pa rgyal mtshan)
  • Nyo Jö Bum Pal (‚jo bum dpal) – Sohn von Nyö Dragpa Gyaltsen
  • Nyö Phagpa Pal (smyos ‚phags pa dpal)
  • Nyö Sönam Dragpa (smyos bsod nams grags pa)
  • Nyö Döndrub Namgyal (smyos don ‚grub rnam rgyal)
  • Nyö Gönpo Tsewang (smyos mgon po tshe dbang)
  • Nyö Namgyal Lhündrub (smyos rnam rgyal lhun grub)
  • Nyö Tön Tsewang Dorje (smyos ston tshe dbang rdo rje) und Yum Tsering Buga (tshe ring bu dga‘)
  • Nyö Künkhyen Dongag Tenzin (kun mkhyen mdo sngags bstan ‚dzin) heiratete Yum Je Rig Gö Dzom (rje rigs dgos ‚dzoms)
  • Nyö Sangdag Thrinley Lhündrub (gsang bdag ‚phrin las lhun grub) heiratete Yum Lhadzin (lha ‚dzin)

In den älteren Erzählungen der Familiengeschichte werden anscheinend nur die männlichen Mitglieder genannt, die in ihrer Generation den Klan angeführt haben.
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Die Mindrolling-Linie

Die andere Aussage in Bezug auf den Anfang der Mindrolling-Linie ist, dass die Linie mit der Errichtung des Mindrolling Sitzes in Form des Mindrolling Klosters in Drachi beginnt. In diesem Sinne ist die Mindrolling-Linie dennoch die Linie der Nyö-Nachfahren und wird seit der Errichtung des Mindrolling Klosters die Mindrolling-Linie genannt. Die Mindrolling-Linie zählt fortlaufend die Trichens auf. Der Begriff ‚Trichen‘ bedeutet wörtlich ‚Großer Thronhalter‘ und der Thronhalter des Mindrolling Klosters ist als der Mindrolling Trichen bekannt.
Die Linie der Trichens wird auf zwei Arten dargestellt. Nach Nyoshul Khenpo Jamyang Dorje’s Geschichte des Dharma wird Terdag Lingpa, der Sohn von Sangdag Thrinley Lhündrub, als erster Mindrolling Trichen (kurz ‚Tri‘ geschrieben) aufgezählt. Sein jüngerer Sohn, Tri Rinchen Namgyal, wird als der zweite Mindrolling Trichen aufgezählt. Daher gehören zu dieser Linie:

1. Tri Chögyal Terdag Lingpa
2. Tri Rinchen Namgyal
3. Tri Gyurme Pema Tenzin
4. Tri Gyurme Thrinley Namgyal
5. Tri Gyurme Pema Wangyal
6. Tri Gyurme Sangye Künga
7. Tri Gyurme Yidzhin Wangyal
8. Tri Gyurme Dechen Chogdrub
9. Tri Pema Wangchen
10. Tri Döndrub Wangyal
11. Mindrolling Trichen Gyurme Kunzang Wangyal

Die Sohn-Linie endete mit dem achten Mindrolling Trichen, Tri Gyurme Dechen Chogdrub. Tri Gyurme Dechen Chogdrub hatte nur Töchter und keine Söhne, um die Familien-Linie fortzuführen. Zu diesem Zeitpunkt heiratete die Tochter von Tri Gyurme Dechen Chogdrub, Mindrolling Jetsün Chimed Dönden Drolma, den Sohn des großen Schatzfinders Tertön Rangrig, der eine Emanation von Terdag Lingpa war. Der Sohn, Pema Wangchen, heiratete in die Mindrolling Familie ein und wurde somit der ‚Tritsab‘ oder Regent. Wenn man die Mindrolling Trichens auf diese Weise zählt, ist Tri Pema Wangchen der neunte Mindrolling Trichen. Der Sohn aus seiner Ehe mit Jetsün Chimed Dönden Drolma wurde der zehnte Trichen, Tri Döndrub Wangyal. Er war der Vater unseres Wurzelgurus Seine Heiligkeit Kyabje Mindrolling Trichen.
Jedoch einer anderen weithin anerkannten Zählweise zufolge, betrachten wir Terdag Linpa’s ältesten Sohn, Pema Gyurme Gyatso, als den zweiten Trichen. Auf Grund der Kräfte dieses degenerierten Zeitalters und der daraus resultierenden Hindernisse, wurde er jedoch in jungen Jahren durch das mongolische Dzungar Heer getötet. Doch er hielt den Thron für die kurze Zeit zwischen Terdag Lingpa’s Parinirvana und seinem eigenen Dahinscheiden.
Sein jüngerer Bruder, Drinchen Rinchen Namgyal, wurde so als dritter Mindrolling Trichen inthronisiert.  In dieser Zählweise ist Pema Gyurme Gyatso also der zweite Trichen in der Trichen Linie. 
Tritsab Pema Wangchen wird als Regent von Mindrolling hoch verehrt, da er die tiefgründige Tradition von Mindrolling während einer sehr schwierigen Zeit vollkommen intakt hielt.  Trotzdem wird er dieser Zählweise entsprechend nicht zu den Mindrolling Trichens gerechnet. 
Tri Gyurme Dechen Chogdrub zählt als neunter Trichen, der Vater Seiner Heiligkeit Mindrolling Trichen Gyurme Kunzang Wangyal, Tri Döndrub Wangyal, als der zehnte Mindrolling Trichen und Rinpoche selbst zählt als der elfte Thronhalter von Mindrolling.