Die Chronik von Mindrolling Teil II

Mit der Feststellung, dass sich die Mindrolling-Linie aus der glorreichen Nyö-Linie entwickelt hat, beginnt die Chronik von Mindrolling selbst mit den Schilderungen der Lebensgeschichte von Sangdag Thrinley Lhündrub, dem Vater von Chögyal Terdag Lingpa.

Sangdag Thrinley Lhündrub

Sangdag Thrinley Lhündrub, der Vater von Chögyal Terdag Lingpa, war ein direkter Nachkomme der glorreichen Nyö-Linie. Er wurde in Chak Jangchub Ling am 26. Tag des glücksverheißenden vierten Monats des weiblichen Eisen-Schwein-Jahres (1611) als Sohn des Vidyadhara Khedrub Dongag Tenzin (mkhas grub mdo sngags bstan ‚dzin) und der Gefährtin Yum Je Rig Gödzom (rje rigs dgos ‚dzom) geboren. Sangdag Thrinley Lhündrub war eine Inkarnation des großen Meisters Nubchen Sangye Yeshe – einer der 25 Schüler von Guru Padmasambhava.

Nubchen Sangye Yeshe hörte dem Klan von Nub an und erhielt zu seinen Lebzeiten von Guru Rinpoche wie auch von 30 weiteren vervollkommnten Meistern seiner Zeit viele Übertragungen und wurde  ein Berühmter  Meister des Tantra. Er war einer der drei größten Tantra-Halter (babs sa), und übermittelte und verbreitete in Tibet die Lehren des Mahayoga und Anuyoga und die Semde-Lehren des Atiyoga. Es wird berichtet, dass der König Langdarma, als er begann den Dharma in Tibet zu zerstören, Nubchen Sangye Yeshe und dessen Schüler zu sich rief. Als Langdarma die Kraft von Nubchen’s Verwirklichung wahrnahm, entschied er, die Tantriker und tantrische Lehren zu verschonen.

Da hauptsächlich das bemerkenswerte Leben und die einzigartige Aktivität seines älteren Sohnes Chögyal Terdag Lingpa im Focus stehen, wird der Beitrag von Sangdag Thrinley Lhündrub selbst oft leider nicht genug erwähnt. Jedoch hat dieser einen ganz besonderen Stellenwert.  Sangdag Thrinley Lhündrub war ein Visionär, in allen Aspekten des Dharma außerordentlich gelehrt und hatte den Mantrayana in höchster Weise vervollkommnt. Er war wegen seines Muts und seines tiefen Einblicks in die Bedürfnisse der Zukunft bekannt und wurde so zu einem Pionier, der ein neues Milieu für Forschung, Studium und Dharma-Praxis schaffte. In Bezug auf das Dharmastudium brachte er Änderungen in der Vorgehensweise und förderte die Gleichheit der Geschlechter, der Klassen und der verschiedenen Linien. In sehr authentischer Weise pflasterte er den Weg für ein  Wiederaufleben von Forschung und Studium und war fest davon überzeugt, dass Bildung die beste Methode für eine progressive Veränderung ist.  Die Reinheit von Tradition sollte jedoch gleichzeitig bewahrt werden.

Sangdag Thrinley Lhündrub offenbarte schon in jungen Jahren Zeichen großer Verwirklichung. Er erhielt zahlreiche Belehrungen und Instruktionen und absolvierte unter der Leitung seines Vaters, den großen Meister Khedrub Dongag Tenzin mehrere Retreats. Später wurde er von Tsuglag Gyatso ordiniert und bekam daraufhin den Namen ‚Thrinley Lhündrub‘. In einem erstaunlich jungen Alter meisterte er schon die Lehren der Kama und Terma Linien. Er studierte bei seinem Vater und unzähligen anderen großen Meistern und Lehrern und wurde selbst zu einem der gelehrtesten Meister seiner Zeit.

Von den Großen Lehrern Sungtul Tsultrim Dorje, Lochen Shenphen Dorje, Lhatsün Künzang Namgyal, Dzogchenpa Drugdrag Zangpo, Bönlungpa Tsultrim Gyaltsen, Zur Chöying Rangdrol und Trulzhig Norbu Chöten erhielt er die Nyingma (Schule der frühen Übersetzungen) Belehrungen. Die Sarma Lehren studierte er bei vielen großen Meistern dieser Schule, wie Gyaltsab Dragpa Chöyang und Gönpo Sönam Chogden. In allem studierte er bei etwa dreißig Lehrern der frühen und neuen Schulen. Sangdag Thrinley Lhündrub verbrachte viele Jahre in Einzel-Retreats und verwirklichte alle Ebenen der Lehre.

Viele Meister seiner Zeit betrachteten Sangdag Thrinley Lhündrub wegen seines Dharma- Verständnisses als ohnegleichen und dieses besonders bezüglich seiner Kenntnisse des weiten Korpus des geheimen Vajrayana – seine Lehren, Meditationen und Rituale. Sangdag Thrinley Lhündrub heiratete Yum Lhadzin Yangchen Drolma. Er starb im Alter von 52 Jahren.

Sein Beitrag zur Erhaltung der buddhistischen Lehren in Tibet und sein Vermächtnis an seine Söhne ist sehr außergewöhnlich. Es heißt, dass ihm während eines seiner Retreats Padmasambhava in einer Vision erschien und ihm prophezeite: “Du wirst vier Söhne haben. Drei werden dir gleich sein, doch einer wird dich übertreffen.“

 


Yum Lhadzin Yangchen Drolma

Padmasambhava prophezeite Sangdag Thrinley Lhündrub, dass eine Ausstrahlung von Shelkar Tshö seine Gefährtin werden würde. Sie würde den Namen Yangchen tragen, im Jahr der Ratte geboren sein und in der Nähe seiner Provinz Dranang gefunden werden.

Wie prophezeit, wurde Lhadzin Yangchen Drolma, die Mutter von Rigzin Terdag Lingpa, im männlichen Holz-Ratten-Jahr 1624 in Dranang geboren. Sie war eine Ausstrahlung von Shelkar Tshö – eine von Padmasambhava’s Gefährtinnen.

Lhadzin Yangchen Drolma war als direkter Nachkomme der Chögyal Dynastie der großen Könige Songtsen Gampo und Trisong Detsen bekannt und als solcher geachtet. Die Chögyal Dynastie selbst wurde als Zweig des Shakya Licchavi Klans in Indien betrachtet.

Der Shakya Licchavi Klan lebte im alten Indien nördlich von Lumbini am Fuße des Himalaya Gebirges.  Sie bildeten ein Stammes-Königreich, das schon vor der Geburt von Shakya Thub Pa oder Shakyamuni Buddha existierte. Buddha wurde als Siddharta in diesen Klan hineingeboren. Das Wort ‚Shakya‘ bedeutet ‚Zuckerrohr‘. Zwischen den beiden kleinen Königreichen Shakya Licchavi und Shakya Vaishali  herrschten Rivalität und Krieg.  Kurz nach Buddha’s Parinirvana hörte das Shakya Licchavi Königreich auf zu existieren und die Überlebenden flüchteten in die Nachbarländer wie z.B. Nepal.

Songtsen Gampo (604-650) war ein großer Kaiser und half bei der Einführung und der Verbreitung des Buddhismus in Tibet. Unter seiner Führung begannen die buddhistischen Sutra-Lehren in Tibet Fuß zu fassen. Er war auch dafür verantwortlich, dass der große Gelehrte Thönmi Sambhota nach Indien geschickt wurde. Es war dieser große Gelehrte und Meister, der daraufhin das tibetische Alphabet, das eine Voraussetzung für die Verbreitung und Erhaltung der Lehren in Tibet war, entwickelte. Thönmi Sambhota war eine frühere Inkarnation  von Terdag Lingpa. Unter der Herrschaft von Songtsen Gampo wurden zum ersten Mal in Tibet die ’10 tugendhaften Handlungen‘ eingeführt. Sie bildeten die Grundlage für die Gesetze in Tibet.

Der König Trisong Detsen, Nachkomme der gleichen Chögyal-Linie, regierte von 765 bis 797 (bzw. nach anderen Quellen bis 804).Unter seiner Herrschaft wurde der Buddhismus zur Staatsreligion des Landes. Er lud große buddhistische Gelehrte aus Indien nach Tibet ein. Unter ihnen war der hochgelehrte Abt Shantarakshita und der zweite Buddha unserer Zeit Mahaguru Padmasambhava, der den Vajrayana in Tibet verankerte.

Seit früher Jugend war Yum Lhadzin Yangchen Drolma sehr gelehrt, verwirklicht und gütig. Sie wurde von den Familienmitgliedern und den Menschen des Landes sehr geliebt und war für ihre Liebenswürdigkeit und ihren Anmut bekannt. Besonders war sie sehr großzügig, machte verschiedenen großen Meistern und Klöstern ausgedehnte Opferungen und rettete unzählige Tiere, die zum Tod verurteilt waren.

Schon in sehr jungen Jahren studierte sie Rezitation, Kalligraphie und andere Wissensgebiete. Yum Lhadzin Yangchen Drolma erhielt von bedeutenden Meistern ihrer Zeit, wie Shakyapa Zhabdrung Garchen, Tsherlungpa Künga Namgyal, Khenpo Shakya Rinwang, Tshe Tsham Par Dragpa und Na Lung Trulzhig zahlreiche Übertragungen und Belehrungen.

Sie heiratete den großen Meister der Nyö-Linie Sangdag Thrinley Lhündrub und gebar sieben Kinder Es waren vier Söhne und zwei Töchter, ein Kind starb bei der Geburt.

  • Ihr ältester Sohn Rigdzin Gyurme Dorje, bekannt als Chögyal Terdag Lingpa wurde im Feuer-
     Hunde-Jahr geboren,
  • Gyalse Tenpa’i Nyima im Erd-Ratten-Jahr,
  • Semo Sönam Paldzom im weiblichen Eisen-Hasen-Jahr, nachdem ein Kind bei der Geburt gestorben war,
  • Chöpal Gyatso, der große Lochen Dharmashri und dritter Sohn, im Holz-Pferde-Jahr,
  • Chung Je Ön Chagdzö Künga Tsultrim im Feuer-Affen-Jahr,
  • Semo Lhachig Paldzom wurde im Erd-Schweine-Jahr geboren.

‚Semo‘ ist eine respektvolle Bezeichnung für Töchter aus ehrenhaften Familien. Heutzutage wird dieses Wort oft mit ‚Prinzessin‘ übersetzt. Dieses ist jedoch nicht ganz korrekt. ‚Prinzessin‘ trifft nur dann zu, wenn von ‚Gyalpo’i Semo‘ gesprochen wird. Dieses bedeutet wörtlich ‚Tochter eines Königs‘.Der Begriff ‚Semo‘ wird hauptsächlich für Töchter von Lehrern, die Oberhaupt einer Linie sind, gebraucht, oder für solche, die in eine adlige Familie hineingeboren werden. Die wörtliche Übersetzung von ‚Semo‘ ist eigentlich ‚Sohn-Lady‘, kann aber mit ’noble Tochter‘ übersetzt werden. Das tibetische Wort ’se‘ (Transliteration: sras, deutsche Ausprache ist ’sä‘) ist die Höflichkeitsform für ‚Sohn‘.

Als Praktizierende und Gelehrte erhielt Yum Lhadzin Yangchen Drolma auch weiterhin Belehrungen von zahlreichen bedeutenden Meistern. Zusammen mit Padrö Chöwang Lhündrub erhielt sie von Yabje Rigzin Chenpo alle hunderttausend Tantras der Nyingma Schule (rnying ma’i rgyud ‚bum) und viele andere Belehrungen. Ebenfalls erhielt sie viele Belehrungen von anderen bedeutenden Meistern der damaligen Zeit, wie zum Beispiel von Peling Sungtul Tsultrim Dorje, Bönlung Rinpoche und Padrö Chöje.  So erhielt unzählige Belehrungen, vervollkommnte die entsprechende Praxis und wurde als große Yogini berühmt. Auch war sie wegen ihrer Verwirklichung des Traum-Yoga bekannt.

Yum Lhadzin Yangchen Drolma unterstütze gleichzeitig ihren Ehemann Sangdag Thrinley Lhündrub in seiner ausgedehnten Aktivität des Lehrens. Ihre Biographie erwähnt, dass sie ihren ganzen materiellen Besitz mehrere Male für den Bau von Tempeln und für dir Unterstützung der Armen des Landes spendete. Hiermit begann sie die vorbildhafte Tradition aller Sangyums (Höflichkeitsform für Frauen, die mit hoch verwirklichten Meistern verheiratet sind) der Linie, ihre Ehemänner zu unterstützen und sich an seinen Aktivitäten zu beteiligen.

Diesen beiden großen Meistern wurden dann die Söhne geboren, die später Mindrolling gründeten. Mindrolling entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Nyinma-Zentren für Studium und Praxis.
Es gibt sechs Nyingma-Hauptlinien oder Klöster: Mindrolling, Dorje Drag, Shechen, Dzogchen, Kathog und Palyul.

Jedes dieser Haupt-Klöster hält die unermesslichen und tiefgründigen Lehren des Geheimen Mantrayana. Jedoch, dank der weiten Vision und der unermüdlichen Anstrengung der beiden Mindrolling Brüder, Chögyal Terdag Lingpa und Lochen Dharmashri, wurde Mindrolling als eines der Epizentren mit einer authentischer Tradition bekannt. In dieser Tradition beinhalten buddhistische Rituale und Praktiken die höchsten Ebenen von Dzogchenpraxis und -studium.

Diese bedeutende monastische Institution, bekannt als Mindrolling, wurde von Chögyal Rigzin Terdag Lingpa, dem ältesten Sohn von Sangdag Trinley Lhündrub und Yum Lhadzin Yangchen Drolma gegründet.

 


Terchen Rigzin Gyurme Dorje, bekannt als Chögyal Orgyen Terdag Lingpa

Chögyal Rigzin Terdag Lingpa ist der älteste Sohn von Sangdag Thrinley Lhündrub und Yum Lhadzin Yangchen Drolma. Er kam am Montag, den 26. März 1646, am 10. Tag des zweiten Monats des Feuer-Hund-Jahres in Dargye Chöling, dem Kloster seines Vaters in Dranang, Zentral Tibet zur Welt.

Vor der Geburt Terdag Lingpas träumte sein Vater von einem wunderschönen Mädchen. Es opferte ihm eine lodernde rote HRI-Silbe. Auch hatte seine Mutter einen Traum von einem wunderschönen himmlischen Mädchen, das ihr eine Stupa aus Kristall überreichte. Sobald sie im Traum die Stupa in ihren Händen hielt, wachte sie auf. Die Sonne erhob sich gerade im Morgengrauen. Nach seiner Geburt bekam Terdag Lingpa den Namen Künga Ngödrub Rinchen Wangyi Gyalpo

Chögyal Rigzin Orgyen Terdag Lingpa, auch alsTertön Gyurme Dorje oder Pema Garwang Gyurme Dorje bekannt, wird als Ausstrahlung vieler großer Bodhisattvas, Mahasiddhas und Meister angesehen. Um einige zu nennen, von denen man öfters hört: zur Zeit von Buddha Shakyamuni war er Ananda, als König Songtsen Gampo lebte, war er Thönmi Sambhota, während der Zeit von Guru Rinpoche war er der große Gelehrte und Übersetzer Vairocana und auch war er Zurchen Shakya Jungne, einer der drei bedeutenden Halter (babs sa) der Nyingma-Lehren.

Schon in jungen Jahren erhielt Chögyal Terdag Lingpa viele Belehrungen und Ermächtigungen. Mit fünf Jahren reiste er nach Lhasa, um den Segen des Jowo zu empfangen.Sobald er sich vor der Statue verbeugte, wurde sein Geist sehr klar und er konnte sich an seine früheren Leben erinnern. Von da an  bekam er von den gelehrten Äbten der damaligen Zeit umfangreichere Belehrungen und Übertragungen. Im Besonderen erhielt Terdag Lingpa ein religiöses Training unter der Leitung seines Vaters, der ihm zu zuallererst die Kagyed Sangdzog-Einweihung verlieh.

Mit dem großen Gelehrten Döndrub Wangyal studierte Terdag Lingpa Lesen, Schreiben, Grammatik und Literatur. Weitere Lehrer in seinen jungen Jahren waren Rigzin Pema Thrinley, Gönpo Sönam Chogden und Lochen Zhenpen Dorje.

Als er neun Jahre alt war, erhielt Chögyal Rigzin Terdag Lingpa von seinem Vater seine ersten Gelübde, die Genyen (dge bsnyen) Gelübde, und anschließend weiteres Training in Meditation, Rituale und Zeremonien der Nyingma-Praxis mit besonderem Schwerpunkt auf Dzogchen. Dann begab er sich in ein dreimonatiges Retreat. Während dieser Zeit hatte er Visionen von Guru Padmasambhava und erhielt Einweihungen von ihm.

Im Retreat war er in der Lage, sich ohne Schwierigkeiten Texte zahlreicher Sadhanas zu merken. Auch studierte er zahlreiche Wurzeltexte und Kommentare und lernte sie auswendig. Diese Texte umfassten: ‚Das essentielle Wurzel-Tantra (tsa rgyud gsang ba snying po)‘, ‚Das unvergleichliche Kontinuum (rgyud lama)‘, ‚Das entspannte Verweilen in der Natur des Geistes (sems nyid ngal gso)‘, ‚Der Wunsch-erfüllende Schatz (yid bzhin mdzod)‘, ‚Die vier Tantras der Medizin (sman dpyad rgyud bzhi)‘ und viele andere. Somit erreichte Terdag Linpa’s Wissen und Verständnis schon in seinen frühen Jahren eine unermessliche Tiefe.Zwischen dem Alter von 15 bis Anfang 20 erhielt Terdag Lingpa in dem Kloster Tashi Choling die mündlichen Übertragungen der achtzehn Bände des Nyingma Tantra (rnying ma rgyud ‚bum bco brgyad). Und später wurden ihm weiterhin die unzähligen Abhandlungen und Zyklen der Kama (bka ma) und Terma (gter ma) Linien übertragen.

Als Terdag Lingpa 23 Jahre alt war, reiste er zum Palden Drepung Kloster. Hier führte der große Fünfte Dalai Lama Ngawang Lobzang Tenzin Gyatso bei ihm die Zeremonie des Haarschneidens‘ (gtsug phud) aus und gab ihm den Namen ‚Ngawang Pema Tenzin‘. Später erhielt Terdag Lingpa von dem Fünften Dalai Lama die Yongdzog Genyen Gelübde (yongs rdzogs dge bsnyen) – die vollständigen Laien-Gelübde der Pratimoksha, Bodhisattva und Tantra Traditionen. Diese verheißungsvolle Verleihung der Gelübde war der Beginn einer außergewöhnlichen und sehr engen Verbindung zwischen Meister und Schüler, zwischen dem Großen Fünften Dalai Lama und Rigzin Terdag Lingpa.

Terdag Lingpa erhielt weiterhin eine große Anzahl von Übertragungen und vervollkommnte viele Retreats. Von dem Fünften Dalai Lama selbst erhielt er zahlreiche Übertragungen, wie unter anderem ‚Die großen besiegelten Geheimnisse (gsang ba rgya can)‘ – ein Zyklus von Belehrungen, basierend auf die visionären Texte des Fünften Dalai Lamas, Schatz-Belehrungen und zusätzliche Aufzeichnungen über die geheimen Ebenen von Praktiken. Auch während seiner Reisen zu den Klöstern Gungthang, Benyul, Nyemo und Kyitsal, studierte Terdag Lingpa die Schriften und unterbrach auch nicht seine Meditations-Praxis.Seine Studien umfassten unter anderem das Tantra der Großen Illusion (sgyu ‚phrul), das Tantra der Vereinigung (mnyam sbyor), Vajrakilaya (phur ba), das Yamri Tantra (gshed skor), Abhandlungen der Meditations-Ebenen (sgrub sde)), wie auch die Tantra-Belehrungen namens ‚Die hundert Sadhanas‘ (sgrub thabs brgya rtsa), Chakrasamvara (bde mchog), Guhyasamaja (gsang ‚dus), Hevajra (dkyes rdor), und das Ladzog Thug Sum (bla rdzogs thugs gsum). Da letztere beinhaltet den Guru Sadhana, Atiyoga und  Avalokiteshvara.

Terdag Lingpa studierte weiterhin  Texte und Ausführungen von großen Gelehrten, wie von Sakya Pandita und im besonderem von dem Großen Allwissenden Longchen Rabjampa.

Unter all den großen Meistern und verwirklichten Lehrern von Terdag Lingpa befanden sich drei, die in ihrer Güte unvergleichlich waren. Von elf dieser Lehrer erhielt er Nektar-gleiche Belehrungen, die Wachstum und Eigen-Ausstrahlung unterstützen und von weiteren 25 Lehrern erhielt er eine Unmenge verschiedener Belehrungen und Übertragungen. Sie waren die Quelle seiner weiten Vision.

Die ersten drei waren:

  • der Große Fünfte Dalai Lama, Ngawang Lobzang Tenzin Gyatso
  • Rigzin Terdag Lingpa’s Vater, Sangdag Thrinley Lhündrub
  • der große Meister Sungthrul Tsultrim Dorje

Unter den elf Meistern, von denen er Nektar-gleiche Belehrungen erhielt, waren Rigzin Pema Thrinley, Zhalu Rinchen Sönam Chogdrub, Zur Ngawang Phüntsog, Trulshig Longyang Ösal, Sakyapa Sönam Wangtchuk, Köntchog Lhündrub und andere.

In allem hatte Terdag Lingpa über 35 Lehrer, von denen er mündliche Übertragungen und tiefgründige Belehrungen über Meditation und rituelle Praktiken empfing.

In ‚The Nyingma School of Tibetan Buddhism‘ nennt Seine Heiligkeit Düdjom Rinpoche die Übertragungen und Belehrungen, die Terdag Lingpa erhielt, und zählt die Schriften und Texte auf, die er studierte und vervollkommnte:

„Terdag Linpa’s Studien der doktrinären Übertragungen waren unbegrenzt. Allein alle Titel zu erfassen wäre schwierig. Sie umfassten alle übermittelten Lehren der frühen Übersetzungs-Schule für die bis heute eine ununterbrochene Linie existiert, wie  ‚Das Sutra, in dem alle Intentionen zusammenlaufen‘; ‚Das magische Netz‘;  ‚Die drei Traditionen der Geist-Kategorie (sems sde lugs sum)‘;  ‚Buddhasamayoga‘ und die Yangdag Heruka, Vajrakila und Yamantaka-Zyklen; die meisten der bekannten Schätze, veranschaulicht durch verschiedene übertragene Grundsätze der Kategorie ‚Methoden zur Vervollkommnung‘; das ‚Trio von Guru, Atiyoga und dem Großen Mitfühlenden im allgemeinen und im besonderen‘.  

Weiterhin umfassten seine Studien die allgemeinen übermittelten Grundsätze der neuen Übersetzungs-Schule, wie ‚Die Vajra-Girlande‘ und ‚Die hundert Methoden zur Vervollkommnung‘, sowie im besonderen die übermittelten Lehren von Cakrasamvara, Hevajra, Kalachakra, Guhyasamaja und Yamantaka, die Kriya und Yoga Einweihungen, Anleitungen und exegetische Übertragungen sowie auch zahlreiche Werke der Sutra-Tradition und den vollständigen Kangyur, der die Quelle von allen anderen Texten ist.

Zu Beginn seines dreizehnten Lebensjahr, konnte Chögyal Terdag Lingpa ‚Das Wurzel-Tantra des geheimen Kerns‘, ‚Das höchste Kontinuum des Großen Fahrzeugs‘, ‚Der Geist in Ruhe‘ und den Wurzeltext und  Kommentar von ‚Der Wunsch-erfüllende Schatz‘ auswendig und von seinem verehrten Vater erhielt er stufenweise mündliche Erläuterungen zu diesen Texten.

Später meisterte er die Schriften der Nub und der Zur-Tradition von Rongzom Pandita, ‚Die Analyse der drei Gelübde‘ des Sakya Pandita (sa skya pandi ta’i rab dbye), ‚Die tatsächliche Anordnung der Tripitaka‘ von Chomden Rigpei Raldri (bcom ldan ral gri’i spyi rnam) und ‚Die tiefgründige innere Bedeutung‘ des 3. Karmapa Rangjung Dorje (rang byung zhabs kyi nang don). Besonders entwickelte er durch das hingebungsvolle Studium der Schriften des allwissenden Longchenpa ungehinderte Kräfte intellektueller Analyse und konnte so alle Zweifel beseitigen.“

Weiterhin schreibt Düdjom Rinpoche:

„Er erhielt von Tagtön Chögyal Tenzin alle vollständigen Einweihungen, Instruktionen und exegetischen Übertragungen der ‚Vier Flüsse‘ (des Sutra, in dem alle Intentionen zusammenlaufen), einschließlich die ‚besiegelte Betrauung‘ und die Lang-Lebens Einweihung als letztendliche Stütze.  Tagtön Chögyal Tenzin hatte auf der Grundlage der Ermächtigungs-Zeremonie des ‚Sutra, in dem alle Intentionen zusammenlaufen‘, namens ‚Die Juwelen-Girlande‘ (‚dus pa mdo’i dbang chog rin chen phreng ba), 45 Mandalas errichtet. Zudem erhielt Terdag Lingpa auf der Basis der Ermächtigungs-Zeremonie namens ‚Ein Fluß von Honig‘ (dbang chog sbrang rtsi’i chu rgyun) vom selben Lehrer alle Ermächtigungen, Übertragungen und Instruktionen, die mit 21 auf Stoff gemalten Mandalas in Verbindung standen.
Weiterhin empfing er von Rigzin Pema Thrinley aus Dorje Drak auf der Grundlage der Ermächtigungs-Zeremonie namens ‚Die Juwelen-Girlande‘ und auf eine kurze Fassung basierend, die 27 Mandalas benutzt, alle entsprechenden Einweihungen, Instruktionen und exegetischen Übertragungen. Von den 27 Mandalas war das Haupt-Mandala auf Stoff gemalt und die anderen schematisch drumherum platziert. Beide Lehrer verliehen ihm den Namen ‚Gyurme Dorje Tsal‘.“

Nach dieser Zeit intensiven Studiums und Trainings, ging Rigzin Terdag Lingpa ins Retreat und vervollkommnte zahlreiche Praktiken. Nach dem Retreat enthüllte er viele Schatz-Belehrungen (Terma) und ist daher auch als großer Tertön (Schatz-Finder) bekannt. Unter den von ihm enthüllten Schätzen befinden sich die folgenden:

  • Im Alter von achtzehn Jahren offenbarte er am Freitag, den 15.Juni 1663 (dem 25.Tag des vierten Monats und am 10.Tag des fünften Monats des Wasser-Hasen-Jahres)  in Yamalung das Terma ‚Die Herz-Essenz der Vidyadharas‘ (rig ‚dzin thugs thigs).
  • Im Alter von zweiundzwanzig Jahren offenbarte er am Samstag, den 24.September 1667 (dem 8.Tag des ‚khrums‘ Monats im Feuer-Schaf-Jahr) in Yarlung Shaldrag (Kristall Höhle von Yarlung) das Terma von Yamantaka (Vernichter der Arroganz, gshin rje dregs ‚joms).
  • Als er einunddreißig Jahre alt war, entdeckte er am Samstag, den 19.Dezember 1676 ( dem 15.Tag des Tiger-Monats im Feuer-Drachen-Jahr)  in Okar Drak das ‚Zabter Thragthung Pema Dragpo-Terma‘ des Guru Dragpo (zorniger Guru) und den Atiyoga Vajrasattva-Zyklus (rdor sems ati’i skor).
  • Und im Alter von fünfunddreißig entdeckte er in der Öffentlichkeit am Freitag, den 23..August 1680 (dem 29.Tag des 6.Monats im Eisen-Affen-Jahr) in Shawuk Tago das Terma ‚Lehr-Zyklus der Große Mitfühlenden als Versammlung aller Sugatas (thugs rje chenpo bde gshegs kun dus kyi chos skor).

Nachdem Rigzin Terdag Lingpa zahlreiche Belehrungen von dem Großen Fünften Dalai Lama bekommen hatte, verlieh er wiederum dem Fünften Dalai Lama viele Belehrungen und Übertragungen. Diese Übertragungen umfassten das ‚Tantra der mündlichen Übertragungslinie von Vajrapani (phag rdor snyam brgyud)‘, ‚Die Sieben Schätze (mdzod bdun) des Großen Allwissenden Longchen Rabjampa, sowie die Schatz-Belehrungen von Padma Lingpa, Dorje Lingpa, Ratna Lingpa und zahlreiche weitere Übertragungen. Es wird gesagt, dass einst, während der Große Fünfte Dalai Lama von  Rigzin Terdag Lingpa eine Übertragung empfing, viele Leute zahlreiche wunderbare Zeichen beobachteten.

Diese außergewöhnliche und verheißungsvolle Lehrer-Schüler-Lehrer Verbindung zwischen dem Fünften Dalai Lama und Chögyal Terdag Lingpa dauerte das ganze Leben dieser beiden vervollkommnten Meister an. Als Terdag Lingpa 25 Jahre alt war, unterstütze der Dalai Lamma gänzlich den Bau von Terdag Lingpa’s Kloster und gab ihm den Namen ‚Ogmin Ogyen Mindrol Ling Ngedön Gatsal Ling, was bedeutet:

Ogmin  –  Akanishta
Ogyen  –  Uddiyana
Mindrol  –  reifen und Befreiung
Ling  –  Land
Gatsal  –  freudiger Garten 

So wurde das Mindrolling Kloster 1646 gegründet. Terdag Lingpa ebnete mit seiner Vision den Weg für viele Veränderungen in dem existierenden System in Bezug auf die Strukturen und Traditionen, die dann von dem Mindrolling Kloster befolgt wurden. Im Vergleich zu den mehr konservativen hierarchischen Traditionen betonte er mehr die Wichtigkeit von Verdienst und Studium . Demzufolge gab es in dem Haupt-Schreinraum des Mindrolling Klosters in Tibet  nur einen Thron für den Trichen. Jeder andere saß auf dicken Matten (böden), die sich überall im Schreinraum befanden. Nur wenn ein in der Abwesenheit eines Trichen ein Regent ernannt wurde, wurde ein zweiter Thron für diesen Regenten aufgestellt.

Auch die Sitzordnung der Mönche wurde durch Gelehrtheit und Dienstalter bestimmt. Wenn ein Mönch die Klassen und Studien, die erforderlich waren, um die Erlaubnis zu erhalten, im Schreinraum zu sitzen, durchlaufen hatte, durfte er seinen Sitz einnehmen. Der nächste, der die Tests bestand, durfte sich dann neben ihn setzen und so weiter. Die Sitzordnung hing nicht vom Alter oder Rang ab.

Terdag Lingpa unterstrich die Wichtigkeit für Praktizierende, Einfachheit und Bescheidenheit zu bewahren und setzte dieses in seinem eigenen Kloster um. Anstelle der Anzahl hob er die Qualitäten der Praktizierenden hervor, sodass selbst zur Zeit seiner Blüte Mindrolling nie mehr als 300 Mönche hatte. Terdag Lingpa baute das Mindrolling Kloster im Drachi Tal, an einer Stelle, wo es fast versteckt war und nicht gesehen werden konnte bis man fast schon da war. Er sagte, dieses sei so, um seine Schüler und Linien-Anhänger daran zu erinnern, dass ein Praktizierender seine Praxis nicht zur Schau stellen, sondern ein ruhiges und bescheidenes Leben führen sollte, durchdrungen von Kontemplation und Gelassenheit. Auch sollten Praktizierende nicht nach anderen Ausschau halten oder sie beeindrucken wollen, sondern andere sollten den Praktizierenden aufsuchen.

Eine weitere Veränderung in der derzeitigen Gesinnung  betraf die Geschlechtsgleichheit. Terdag Lingpa hob die Wichtigkeit, Frauen auszubilden, hervor und betonte ihre Rolle in der Übertragung und Praxis des authentischen Dharma. So ging er mit gutem Beispiel voran und sorgte dafür, dass seine Töchter selber wählen konnten und in der gleichen Weise ausgebildet wurden wie seine Söhne. Dieses war ein revolutionärer Gedanke in der damaligen Zeit und die Töchter von Mindrolling tragen seitdem den Titel ‚Jetsün‘. Das tibetische Wort ‚Jetsün‘ besteht aus zwei Wörtern: ‚Je (rje)‘ bedeutet Herr(in) oder Regent, ‚tsün (tsun)‘ steht für ehrenhafte und tugendreiche Personen. Zusammen werden diese beiden Begriffe in Übersetzungen oft als Titel im Sinne von ‚die Erhabene‘ übernommen.  Wörtlich bedeutet ‚Jetsün‘ ‚ehrenhafte und tugendhafte Herrscherin‘.

Terdag Lingpa gründete das Mindrolling Kloster mit der großen Vision, eine Quelle für reine und authentische Mantrayana-Traditionen zu schaffen. Studium und Praxis sollte der alleinige Zweck dieser Einrichtung sein. In den folgenden Jahren wurde Mindrolling für die Nyingma-Klöster und verschiedene andere Linien in ganz Tibet der Bezugspunkt für alle rituelle Traditionen wie zum Beispiel Sadhana Praktiken, rituelle Tänze oder das Herstellen von Mandalas.  Mindrolling wurde die  Quelle der meisten rituellen Traditionen und gilt selbst heute noch als ‚chu go (Mund oder Quelle, aus der etwas fließt, Quelle eines Flusses)‘ der Nyingma Schule.

Der Bau des  Klosters dauerte sieben Jahre. Am Tag der Einweihung des Klosters Ogmin Ogyen Mindrolling führte der Große Fünfte Dalai Lama persönlich für die neuen Mönche von Mindrolling die Haarschneide-Zeremonie durch.

Im darauf folgenden Jahr erkrankte der Dalai Lama, woraufhin Terdag Lingpa diverse Praktiken und Rituale durchführte, die der Vertreibung von Hindernissen dienten. Es wird berichtet, dass durch die Kraft und den Segen jener Praktiken der Dalai Lama wieder völlig gesundete.

In der Zeit als seine Aktivitäten stark gediehen, er war gerade 33 Jahre alt, wurde Terdag Lingpa ernsthaft krank. Einer Prophezeiung und den Anweisungen des Fünften Dalai Lamas zu Folge, nahm Rigzin Terdag Lingpa eine Gefährtin. Sie war eine Ausstrahlung von Kshetrapali. Aufgrund ihres Segens und ihrer Präsenz erlangte er nicht nur wieder seine Gesundheit zurück und konnte sein Leben verlängern, auch gewann seine Verwirklichung beachtlich an Stärke und Tiefe. Wegen gewisser Hindernisse, konnte die Gefährtin keine Kinder gebären. So heirate Terdag Lingpa später in Aufeinanderfoge zwei weitere Sangyums (Gefährtinnen), die drei Söhne und zwei Töchter gebaren.

Alle entwickelten sich zu außergewöhnlichen Praktizierenden.

Die erste dieser zwei Sangyums war die Große Lady Yönten Dolma. Sie wurde die Mutter von Pema Gyurme Gyatso, dem ältesten Sohn von Terdag Lingpa.

Die zweite Sangyum, namens Phüntsok Paldzom, war die Tochter von Tsug Lag Dzin, ein direkter Nachkomme des Königs von Zahor. Sie wurde als Austrahlung von Vajrayogini (Dorje Phagmo) angesehen. Sangyum Phüntsok Paldzom gebar zwei Söhne und zwei Töchter:

  • Zhabdrung Yidzhin Lekdrub
  • Trichen Drinchen Rinchen Namgyal
  • Semo Jetsün Mingyur Paldrön
  • Semo Cham Paldzin

Wir wir in den folgenden Kapiteln noch sehen werden, wurden alle Kinder von Terdag Lingpa exzellente Praktizierende und außergewöhnliche Meister(innen) der damaligen Zeit.

Chögyal Terdag Lingpa war wegen seiner großen Freigebigkeit bekannt. Was für materielle Opferungen er auch immer erhielt, er spendete sie alle dem Mindrolling Kloster oder für andere Dharma-Aktivitäten und so mangelte es den Mönchen von Mindrolling an nichts.  Weiterhin gab Terdag Lingpa viele Gemälde und Skulpturen in Auftrag und ließ hundert Bände seltener und kostbarer Texte in Gold und Silber anfertigen. Zu diesen Texten gehörten auch der Kangyur und zahlreiche Holzschnitte für Kommentare, Exegesen, Zeremonien und Rituale.

Dieser bedeutende Lehrer war nicht nur als Tertön bekannt, der die enthüllten unermesslichen und tiefgründigen Schatz-Belehrungen lehrte und übermittelte, auch wird ihm der vortreffliche Verdienst, die Kama Linie erhalten zu haben, gutgeschrieben. Er kompilierte viele Texte, war ein exzellenter Verfasser, erhielt viele Belehrungen, stärkte sie und ließ so viele verschiedene Übertragungslinien wieder aufblühen.

Eines der größten Verdienste Terdag Lingpas war die Erneuerung und Bewahrung einiger bedeutender Zyklen von Terma-Belehrungen, die in der Vergangenheit entdeckt wurden. Jedoch waren viele der dazugehörigen Übertragungen und Exegesen und ein notwendiges Verständnis verloren gegangen. Fast niemand kannte zu der Zeit die Praxis-Methoden, die diese Termas enthielten oder hatte die erforderlichen Übertragungen, diese tiefgründigen Überlieferungen zu praktizieren. 

Vornehmlich waren die Werke der zwei größten Tertöns Nyang Ral Nyima Özer (1124-1192) und Guru Chöwang (1212-1273) betroffen. Terdag Lingpa wiederbelebte die zahlreichen Termas dieser zwei bedeutenden frühen Tertöns und pflegte Wachstum und Gedeihen ihrer Belehrungen. So wurde Kagyed Desheg Düpa (bka‘ brgyad bde gshegs ‚dus pa), ein bedeutendes Terma von Nyang Ral Nyima Özer, zu einer der zentralen Traditionen, die in Mindrolling aufrechterhalten werden. Kurz bevor Terdag Lingpa ins Nirwana einging wies er seine Schüler sogar an, anstelle ihm nachzutrauern, für zehn Tage ein Drubchen des Kagyed Deshed Düpa auszuführen. Diese Tradition ist bis heute in Mindrolling erhalten.

Das renommierte Terma Lama Sangdü (bla ma gsang ‚dus) von Guru Chöwang wurde ebenfalls zu einer wichtigen Tradition in Mindrolling. Jedes Jahr wird ein Drubchö des Lama Sangdü als große Tse Chu Zeremonie zum feierlichen Anlass des zehnten Tages des Affen-Monats (siebte Monat) durchgeführt.

Seine Heiligkeit Düdjom Rinpoche fasste Chögyal Rigzin Terdag Lingpa’s unvergleichlichen Beiträge zur Bewahrung der Lehren verschiedener Linien mit folgenden Worten zusammen:

„Dieser große Schatz-Finder stand in direkter wie auch in indirekter Weise allen frühen und neuen Lehren überaus wohlwollend gegenüber. Sogar mehr als das, er hielt die Lebendigkeit der Instruktionen von kleineren doktrinären Traditionen, wie der Conangpa oder Shangpa-Tradition und anderen, aufrecht. Im 17. Jahrhundert glichen Exegese und Verwirklichung der Nyingma Traditionen mit der Trilogie, bestehend aus ‚Das Sutra, in dem alle Intentionen zusammenlaufen‘, ‚Das magische Netz‘ und ‚Die Geist-Kategorie‘, im Vordergrund einer Lampe, der das Öl ausgeht. Doch Terdag Lingpa suchte mit mutiger und unermüdlicher Beharrlichkeit nach solchen Traditionen und erneuerte durch Exegese, Verwirklichung und viel Arbeit die verfallenen Belehrungen von Grund auf. In der Tat, auf Grund der Güte dieses höchst ehrwürdigen Meisters, seines Bruders, seiner Schüler und deren Nachkommen ist die Sang-Ngag Nyingma Schule, die frühe Schule des geheimen Mantra, der Bedeutung ihres Namens gerecht geblieben und diese authentische reine Linie konnte bis zum heutigen Tag ohne Verfall ununterbrochen wachsen. Keiner kann sich in Bezug auf Güte und  Vermächtnis mit Terdag Lingpa messen.  Aus all diesen Gründen stützen wir  uns als die späteren Nyingmapas nicht nur auf kurzlebige Zeremonien und Riten, welche als tiefgründige Lehren angesehen werden, sondern halten weitgehend eine Tradition, die ein große Schatzkiste von Belehrungen darstellt.“

Somit war Terdag Lingpa als ein überragender Meister der Kama (mündlich) und Terma (offenbarte Schätze) -Linien bekannt. Deshalb wurde er Chögyal Terdag Lingpa genannt – der Dharmakönig Terdag Lingpa.

Wegen seiner außergewöhnlichen Voraussicht und unvoreingenommener Hingabe für die vier Schulen des Tibetischen Buddhismus und allen Linien, wird Terdag Lingpa auch als Pionier bezeichnet, der die  nicht sektiererische Sichtweise hielt und unterstütze.  Er etablierte eine Vision, auf der Lehrer einer späteren Generation, wie Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye und Jamyang Khyentse Wangpo, die Rime (nicht sektiererisch) – Bewegung gründeten.

Tatsächlich ist es nicht möglich alle weitreichenden und unerschöpflichen Aktivitäten von Chögyal Terdag Lingpa niederzuschreiben. Wenn man seine Biographien liest oder großen Meistern, wie Kyabje Mindrolling Trichen, Kyabje Dilgo Khyentse Rinpoche oder Kyabje Düdjom Rinpoche zuhört, wie sie über Chögyal Terdag Lingpa berichten, erheben sich Ehrfurcht und Bewunderung für die Verwirklichung und Aktivität dieses bedeutenden Lehrers. All diese Aktivitäten in einem einzigen Leben zu vervollkommnen, scheint normalerweise für eine einzige Person unmöglich zu sein.

Im Alter von 69 Jahren begann er Zeichen von Krankheit aufzuweisen und und fing an, seinen Söhnen, Töchtern und Schülern Anweisungen zu hinterlassen.

Am Morgen des zweiten Tages des zweiten Mondmonats (am Samstag, den 17. März 1714) erhob sich Chögyal Rigzin Terdag Lingpa und sagte: „Ich muss nun sieben Schritte nach Osten gehen.“ Dann machte er diese sieben Schritte in östliche Richtung, nahm die Meditations-Haltung ein und sprach:

„Erscheinungen, Laute und Bewusstheit sind Gottheiten, Mantras und die Sphäre des Dharmakaya.
Mögen sie in der Praxis des tiefgründigen und geheimen großen Yoga in der Essenz des Geistes von gleichem Geschmack und untrennbar sein  –  ein endloses Spiel von Kayas und ursprünglicher Weisheit.“

Dann schaute Rigzin Terdag Lingpa zu all denen, die ihn umgaben und sagte: „Ich sehe, dass die Dakinis gekommen sind, um mich willkommen zu heißen.“ Er schaute zum Himmel und ging ins Nirwana ein. Die darauffolgenden Tage waren mit erstaunlichem Frieden erfüllt und alle Leute in der ganzen Region wurden Zeugen wundervoller Zeichen.