1. Januar 2021

Neujahres-Ansprache von I.E. Mindrolling Jetsün Khandro Rinpoche

Mindrolling International

Grüße an alle,

Wie wir uns dem Ende eines weiteren Jahres nähern und darüber nachdenken, stellen wir erneut fest, dass kein Jahr vergeht, ohne uns auch ein wenig Weisheit zu hinterlassen. Jedes Jahr bringt seine Herausforderungen und Freuden mit sich und verleiht auch immer Weisheit und Erfahrung, wenn wir uns ent- scheiden, unser Herz zu öffnen und sie zu empfangen.

Insbesondere das vergangene Jahr hat uns mit Sicherheit so viel beigebracht. Es war chaotisch, tragisch und frustrierend für Millionen von Menschen und für einige gab es Langeweile, Einsamkeit und Traurigkeit. Es gab Handlungen von enormer Güte, Geduld und Belastbarkeit, aber auch Momente von erstaunlicher Selbstsucht, Verwirrung, Wut und Misstrauen. Die meisten von uns haben das Gefühl, dass dies ein Jahr war, wie es keiner von uns zuvor erlebt hat oder sich hätte vorstellen können, dass es in unserer Zeit so geschieht.

Insbesondere für Praktizierende hat es deutlich gezeigt, wo wir mit unserer Praxis und mit der Sichtweise des Dharma stehen. Als Praktizierende wird uns immer gesagt, dass Praktizieren schlichtweg ein Training für uns ist, um selbst dann noch wahrhaft und fest auf dem Weg der Tugend zu verbleiben, wenn Widrigkeiten und Herausforderungen uns zu überwältigen drohen. In solchen Zeiten haben wir die Möglichkeit, uns einen Spiegel vor zu halten und zu sehen, wie wir als jemand, der den Lehren von Buddha Shakyamuni folgt, mit allem umgehen.

Dieses Jahr haben wir gesehen, dass viele Praktizierende die diesjährigen Erfahrungen wirklich genutzt haben, um ihre Praxis zu vertiefen, mit mehr freudiger Anstrengung zu studieren und sich die wahre Bedeutung und Sichtweise des Dharma zu Herzen zu nehmen. Die Rohheit und die scharfe Schneide des Leidens durchschnitten die Herzen aller, die wirklich über den Pfad des Bodhicitta kontemplierten und ihre Bodhisattva-Gelübde als heilig halten. Tatsächlich war dieses Gelübde, stahlhart wie ein Diamant, die beste Rüstung angesichts des Chaos, das so manchen Geist zu verschlingen drohte. Eure Praxis schien für so viele von euch das einzige Leuchtfeuer der Vernunft zu sein, während ihr durch unsere noch turbulentere Welt navigiert seid.

Solche Praktizierenden haben die Widrigkeiten dieses Jahres genutzt, um die entscheidenden Lehren der vier Grundlegenden Gedanken in den Vordergrund ihrer Praxis zu rücken. Ein vertieftes Verständnis dieser wird zur Grundlage für die Entwicklung eines größeren Bewusstseins für die tiefe Wahrheit des Dharma, der geistigen Gesundheit, die verhindert, dass Verwirrung zunimmt und man in Verstrickung mit neurotischen Kleshas gerät. Diese geistige Gesundheit gibt einem/r Praktizierenden den Mut, nicht nur Widrigkeiten in Inspiration umzuwandeln, sondern auch ein weiteres Blickfeld zu haben, um andere, die sich Widrigkeiten gegenüber sehen, mit echter Liebe und Freundschaft zu umfassen.

Jetzt, da wir in ein anderes Jahr und einen anderen Zyklus eintreten, ist es ein guter Zeitpunkt, sich zurückzulehnen und einen ehrlichen Blick auf unser Leben zu werfen. Als Praktizierende, die vor allem das fragile Wesen dieser Existenz erkennen, sollten wir darüber nachdenken, was wir bisher mit diesem Leben angestellt haben, eine Strategie entwerfen und den weiteren Verlauf planen, wie wir möchten, dass unser Leben in Zukunft sein soll. Um uns als Praktizierende vorwärts zu lenken, sollten wir darüber nachdenken und meditieren, wie vergänglich und ungewiss dieses Leben ist, wie wenig wir seine vorübergehende Natur verstehen und wie wir uns so sehr nach außen gerichtet auf unsere Scheinwelt konzentriert haben. Mit diesem Verständnis werden wir den Mut finden, einen Kurs vorwärts zu planen, der mit dem Verhalten eines/r wahren Dharma-Praktizierenden im Einklang ist.

Leider hat dieses Jahr auch gezeigt, wie unsere Angst und Anhaftung an unser Selbst, wenn unsere tägliche Praxis und Hingabe schwach sind, uns leicht in

einem qualvollen Kampf verschlingen und uns kopfüber zurück ins Samsara treiben können.

Wir denken, dass es uns auf irgendeine Art vor den Leiden der Welt schützen wird, wenn wir uns noch mehr an unseren alten Gewohnheiten festklammern. Jetzt ist der Zeitpunkt zu erkennen dass dies nicht stimmt und dies zu korrigieren. Wenn wir unseren Geist nicht unerschütterlich vor samsarischen Denkweisen geschützt haben, möge dieser jetzige Moment eine Gelegenheit sein, diese alten, müden Gewohnheiten hinter uns zu lassen.

Wie wir ein weiteres Jahr einläuten, denken wir an diejenigen, die gestorben sind, die leiden und an so viele andere, die eine immens schwierige Zeit haben und widmen ihnen allen unsere Gebete. Wir beten besonders für die gute Gesundheit und das lange Leben all dieser mutigen Menschen: der Frontarbeiter, Lehrer, des Gesundheitspersonals und so vieler wie sie, die sich unermüdlich dem Wohl und der Sicherheit anderer verschrieben haben.

Ich möchte insbesondere unserer Sangha dafür danken, dass sie sich in diesem Jahr gegenseitig zu erreichen versucht und unterstützt hat. Es gab so viele von euch, die sich aus Güte und Freundschaft umeinander gekümmert haben und eingesprungen sind, wenn Sangha-Mitglieder Hilfe und Unterstützung brauchten. In einem Jahr, in dem viele allein waren und nicht mit ihren Freunden und Angehörigen sein konnten, war es wunderbar, diese weltweite Gemeinschaft zu sehen, die, ohne etwas Bestimmtes tun zu müssen, eine starke Ressource und Unterstützung für all ihre Mitglieder darstellt.

Durch die herausragende Vision, Anleitung und harte Arbeit von Jetsün Dechen Paldrön wurde in diesem Jahr das Dharmashri Online Portal geschaffen. Dies bot eine wunderbare Möglichkeit für die Mindrolling-Gemeinschaft auf der ganzen Welt zu praktizieren und zu studieren, als wir nicht in der Lage waren, unsere üblichen Zusammenkünfte zu haben. Wir freuen uns sehr, dass alte und neue Sangha-Mitglieder sich auf diese Weise treffen und gemeinsam studieren konnten. Wir danken Jetsünla, ohne die das Projekt niemals möglich gewesen wäre, und dem gesamten Team, das daran gearbeitet hat, einschließlich Lisa, Zuzana, Alex, Dean, Roar, Jeannie und vielen anderen. Ich möchte außerdem all unseren wunderbaren Dharma-Instrukteuren und -Instrukteurinnen danken, die hunderte von SchülerInnen auf der ganzen Welt unterstützt haben. Wir hoffen, dass dieser neue Weg des Lehrens und Lernens den Praktizierenden noch lange von Nutzen sein wird.

Darüber hinaus möchte ich mich bei allen Mitgliedern des Mindrol Lekshey- Trainingsprogramms bedanken, das dieses Jahr begonnen hat. Trotz aller Schwierigkeiten von Lockdowns, eingeschränktem Reisen, Arbeit und großer Entfernung blieben die meisten Mitglieder dieses Teams von SchülerInnen standhaft und praktizierten, studierten und dienten dem Dharma auf welche Art auch immer erforderlich war. Sie leiteten Studiengruppen, organisierten die Unterstützung anderer Sangha-Mitglieder, studierten weiter online und zeigten, wie eine starke Dharma-Gemeinschaft gedeihen kann, selbst wenn sie mit solch tiefgreifenden äußeren Schwierigkeiten konfrontiert ist.

Wenn wir jetzt den Blick nach vorne richten, wäre es dumm, nicht sicher zu stellen, alle diesjährigen Erfahrungen zu nutzen und uns nicht die Zeit zu nehmen, um zu untersuchen und darüber nachzudenken, was sie uns gezeigt haben. Es ist wichtig, dass wir sorgfältig überlegen, wie wir mit den diesjährigen Erfahrungen umgegangen sind und welche Weisheit wir jetzt in das Jahr 2021 mitnehmen können.

Was werden wir mit diesem tieferen, innigeren Verständnis von Vergänglichkeit tun, das wir in diesem Jahr erworben haben?

Werden wir in gewohnheitsmäßige Tendenzen zurückfallen oder wie wahre Praktizierende, die es verdienen, als Vajrayana-Praktizierende bezeichnet zu werden, das Gift in Amrita verwandeln?

Wird dieses schmerzhafte, schwierige Jahr 2020 individuelles Wachstum und neuen Nachdruck zum Praktizieren bringen und unsere Verbindlichkeit vertiefen, den kostbaren Dharma wirklich so zu praktizieren, als würden unsere Haare in Flammen stehen?

Dies sind die Fragen, die wir uns vielleicht am Ende eines Jahres stellen müssen, das für die meisten nicht schnell genug vorüber sein kann.

Wir denken so oft, dass wir praktizieren, aber Zeiten wie das vergangene Jahr erlauben es uns, inne zu halten und uns zu fragen: Wie weit sind wir auf unserem Dharma-Pfad vorangekommen, insbesondere bezüglich unserer Hingabe und Zuflucht?

Genau diese beiden Aspekte des Dharma sind es, die die Grundlage für das Leben eines/r Praktizierenden bilden.

Schwierigkeiten entstehen, aber um sie zu überwinden, muss man stark sein. Und wahre Stärke kommt nur durch spirituelles Wissen. Blindlings hierhin und dahin zu eilen und das Verhalten eines/r Praktizierenden nachzuahmen, ohne sich die Zeit genommen zu haben, wahres Wissen und Verständnis des Dharma zu entwickeln, wird sich als großer Fehler herausstellen. Wenn ein/e Praktizierende/r jedoch die Sichtweise des 

I.E. Mindrolling Jetsün Khandro RinpocheDharma kultiviert hat, wird er/sie mit starker Zuflucht und Hingabe leicht die Kraft finden, sich zu zentrieren.

Alle Arten von Fülle gehen mit Hingabe einher, und Hingabe wird durch wahres spirituelles Wissen vervollständigt. Sowohl Hingabe als auch Wissen entstehen durch Meditation. Und diejenigen, die standhaft meditieren und ihren eigenen Geist beobachten, werden immer Kraft und ein unerschütterliches Lächeln in ihren Herzen und auf ihren Gesichtern finden.

Wenn man in den Griff eines selbstanhaftenden Geistes gerät, machen wir uns und andere unglücklich. Törichterweise erkennen wir nicht, dass wir diesen Geist dazu nutzen können, um entweder Wohlbefinden oder Elend für uns selbst zu schaffen. Jeder hat diese Wahl. In jedem Moment müssen wir prüfen, ob wir uns für Selbstbezogenheit entscheiden oder ob wir Gleichmut und Samadhi wählen, die die tiefste Ruhe und einen Raum darstellen, aus dem Freude und Schönheit erblühen.

Konzentrieren wir uns entspannt auf diesen Bewusstseinsgrund und verweilen wir in ihm? Und erschafft dies in uns den Mut, über Selbstanhaftung hinauszugehen?

Wenn wir alles destillieren, was wir als Praktizierende gelernt haben, sollten wir erkennen, dass das Leben nur eine bestimmte Menge an Zeit und Energie ist. Wir geben ihm alle möglichen hübschen Namen. Wir mögen manche Teile und andere nicht, aber aus der praktischen Perspektive eines/r Dharma-Praktizierenden ist es recht einfach: alles, was zählt, ist, die Zeit und Energie, die wir haben, maximal für das Wohlbefinden aller einzusetzen.

Was zählt, ist mit der Weisheit des Dharma Vernunft inmitten das Chaos zu bringen. Die Welt mit Sanftmut und Mitgefühl zu erleuchten, Freude zu bringen, wo alles von Hoffnungslosigkeit erfüllt zu sein scheint, eine Quelle der Einfachheit im Angesicht von Komplikationen und Weisheit inmitten von Torheit zu sein, ist Dharma in Aktion.

Wo es Chaos gibt, gibt es Verwirrung. Zu solchen Zeiten und wenn es überall um dich herum Probleme gibt, sind Ruhe und Ausgeglichenheit am dringend- sten erforderlich. Genau dann ist Weisheit am wertvollsten. Wenn das Leben eine Herausforderung ist, genau dann müssen wir all das Wissen und die geschickten Methoden, die wir studiert und praktiziert haben, anwenden. Wenn Leute dich beschuldigen, wenn sie dich nicht verstehen, dann brauchst du die innere Kraft, um geduldig zu sein und unbeirrt zu bleiben. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie du es möchtest, brauchst du Ausdauer, Kraft und Mut, um weiter zu machen und nicht zu verzagen.

Wie wir alle gemeinsam in das neue Jahr eintreten, mögen wir alle mit solchem Mut und tiefem Gewahrsein über das vergangene Jahr nachdenken und daraus lernen. Mögen wir alle einen neuen Kurs einschlagen und alte samsarische Gewohnheiten und Ideen zurücklassen. Mögen alle durch die vier grundlegenden Gedanken, durch Zuflucht und Hingabe, wahres Wissen, Stärke und Klarheit erlangen. Mögen alle mit einem unerschütterlichen Verständnis der Wahrheit des Dharma in unseren Herzen wahre Verkörperungen des Dharma in Aktion werden: Quellen des Mitgefühls, der Hoffnung, der Freude, der Einfachheit und der Weisheit für die Welt.

Ich bete, dass jeder einzelne von euch ein wundervolles neues Jahr hat und dass 2021 ein freundlicheres, sanfteres und vernünftigeres Jahr für die ganze Welt wird. Mögen die Buddhas und Bodhisattvas ohne Unterbrechung ihren Segen auf uns niederregnen und mögen wir ihnen niemals überdrüssig sein. Mögen Güte und Glück herrschen! Mögen alle Mut, Weisheit und Gelassenheit finden.

Jetsunla, Mayumla, Dungse Rinpoche, Jetsun Rinpoche, Britton la und ich, zusammen mit allen Mönchen, Nonnen und Mitarbeitern von Mindrolling International, senden euch all unsere Gebete und die allerbesten Wünsche.

MJKR

24. Februar 2020 - Losar

Losargrüße von I.E. Mindrolling Jetsün Khandro Rinpoche

Ihr Lieben,

Zu Beginn des Mondjahres der Metallratte wünschen euch Jetsün-la und ich gemeinsam mit allen in Mindrolling ein frohes Losarfest!
Wir senden diesen Wunsch mit Gebeten und Hoffnungen, dass sich jeder von euch an ein wunderbares und gesundes Jahr 2020 erfreuen möge. Aber neben allem anderen, was man sich wünschen mag, möge euch dieses Jahr einen immensen Fortschritt bringen bei der Erfüllung eurer Bestrebungen, den Dharma zu vervollkommnen. Mögen die Buddhas und Bodhisattvas ununterbrochen alle mit ihrem Segen und ihrem Schutz überschütten.

Als Praktizierende mögen wir zwar noch viele Pläne und Sehnsüchte haben, doch sollten wir uns ständig daran erinnern, dass letztlich nichts eine größere Bedeutung hat als der Dharma und nur dieser eine wahre Quelle der Zuflucht ist. Deshalb ist es wichtig, dass wir, während wir weiterhin Pläne und Ziele haben, nicht versäumen, all diese darauf auszurichten, dass sie den Dharma stützen und ein Tendrel zur Vertiefung unseres Verständnisses und zur Praxis der kostbaren Belehrungen erzeugen. Lasst uns in diesem neuen Jahr erneut den Entschluss fassen, ein wenig weiter zu gehen, ein paar weitere Schritte auf unserem Weg zur Erleuchtung zu unternehmen. Es ist wichtig, dass wir uns jedes Jahr so viel wie möglich bemühen, immer ein wenig weiter zu gehen, damit unser Wachstum nicht stagniert. Es ist unerlässlich, dass wir unsere kindhafte Begeisterung und Freude auf dem Weg der Praxis nie verlieren. Auf dem Pfad zum vollständigen Erwachen, mögen unser Fleiß, unsere Freude und unser Humor auf dem Pfad der Praxis unsere Schritte leicht und stetig werden lassen.

Während wir in ein weiteres Jahr hineingehen, lasst uns in unseren Bestrebungen für die Welt, in der wir heute leben, zusammenkommen. Möge das Licht der Belehrungen in alle Richtungen ausstrahlen und als Leuchtfeuer der Vernunft und als Zuflucht dienen. Mögen Hindernisse von Krieg und Krankheit beseitigt werden und mögen sich alle Wesen mit Güte und Weisheit verbinden. Mögen Wahrheit und Gerechtigkeit nicht nur hochgesinnte Ideen sein, sondern tatsächliche Ideale, die von den Mächtigen geschätzt und umgesetzt werden. Mögen Freiheit und Wohlbefinden allen Wesen zugänglich und Glück und Harmonie im Überfluss vorhanden sein. Mögen die Umwelt und die Wesen ein Gleichgewicht finden und friedlich zusammenleben. Mögen Tugend und Güte in allen Richtungen herausragen!

Zusammen mit Minling Sangyum Kushog, Dungse Rinpoche, Jetsün Rinpoche und die ganze Mindrolling Sangha, die hier in Mindrolling versammelt ist, schicken Jetsün-la und ich euch Gebete und die allerbesten Wünsche.

JKR

1. Januar 2019

Neujahrsgrüße von I.E. Mindrolling Jetsün Khandro Rinpoche

Viele Grüße an Euch alle zum Anlass eines weiteren Neujahrtages!

Jetsun-la und ich gemeinsam mit Dungse Rinpoche, Jetsun Rinpoche, Minling Sangyum Kushog, Britton-la und der monastischen und Laien-Sangha von Mindrolling wünschen Euch allen ein sehr glückliches und gesundes Neues Jahr 2019.

Die Zeit läuft immer weiter, und hier und heute wird nun ein weiteres Jahr unseres Lebens eingeleitet.

Wenn wir auf das endende Jahr zurückschauen und uns auf die Zukunft, das anbrechende Jahr, freuen, können wir nicht anders, als die Intensität von Vergänglichkeit zu spüren. Wandel oder Vergänglichkeit ist ein sehr grundlegender Gedanke, dessen immer bewusst zu sein wir als Dharma-Praktizierende versuchen. Vergänglichkeit wirklich näher zu betrachten, bringt die sehr flüchtige Eigenschaft aller Phänomene zum Vorschein.

Kürzlich sah ich ein 15 Sekunden langes Video, in dem es um den Tod einer einzigen Zelle ging, und es war erstaunlich, die Auflösung von etwas Lebendigem zu beobachten. Es ist faszinierend und zeichnet ein sehr anschauliches Bild von der vergänglichen Natur aller Dinge, sich klarzumachen, dass wir alle aus Billionen von Zellen bestehen, von denen jede ihren eigenen Lebenszyklus durchläuft.

Der Lauf der Zeit und die Vergänglichkeit aller Erscheinungen sind unvermeidlich, doch das Verständnis von Vergänglichkeit erlaubt uns, entspannt und ungezwungen zu bleiben, wenn wir Leid und Herausforderungen ausgesetzt sind, und ermutigt uns hoffentlich, einiges von dem loszulassen, an dem wir anscheinend ein wenig zu sehr festhalten. Vergänglichkeit lehrt uns, dass „auch dieses vergehen wird“, ermöglicht Erneuerung von vielem und gewährt uns allen einen frischen Blick auf die Dinge und neue Chancen. Vergänglichkeit kann auch dabei helfen, eine Haltung von Wertschätzung für die guten Dinge zu entwickeln, ohne so stark an ihnen festzuhalten, so wie etwa die Japaner die Kirschblüten wertschätzen: Sie sehen in deren Schönheit die sehr ergreifende und kurzlebige Eigenschaft von Schönheit. Ein wirkliches Verständnis von Vergänglichkeit kann helfen, schließlich allem, was das Leben für uns bereithält, mit mehr Gleichmut zu begegnen.

Geht ein weiteres Jahr vorbei, ist es an der Zeit, sich zu sammeln und unsere Verpflichtung zum Pfad des Hörens und der Reflexion neu aufzustellen. Wenn wir auf unser Jahr zurückblicken und hinsichtlich der Praxis ein nicht gerade brillantes Jahr sehen, ist das ein guter Zeitpunkt, den Reset-Knopf zu drücken. Doch sollte dies mit Freude und Enthusiasmus geschehen. Tatsächlich kann es schwierig sein, Enthusiasmus aufzubringen, wenn sich Jahr an Jahr reiht. Und doch ist es wesentlich, es in unserer Praxis zu versuchen, weil sich sonst langsam eine Art von Trübheit und Freudlosigkeit einschleichen und dann auch die Praxis zu einem reinen Gang durch Abläufe machen kann. Wenn wir hingegen an das unfassbare Wunder denken, das der Buddhadharma ist, und erkennen, dass ihn getroffen zu haben wie das Auffinden eines sehr kostbaren Juwels in einem Haufen Unrat ist, kann dieses kindliche Staunen unsere Praxis unterstützen und die Brillanz in unserem täglichen Studium und Üben zur Entfaltung bringen.

Das Jahr hindurch sind viele von uns mit zahlreichen Versuchen beschäftigt - oft
unbewusst und teilweise raffiniert, die Dinge konstant und unverändert zu lassen. Aber das Jahr wechselt, und wir alle werden behutsam daran erinnert, dass Wandel unvermeidlich ist.

Vergänglichkeit kann man sich ins Gedächtnis rufen als wahrhaft einen „Gedanken, der den Geist transformiert“. Sie lässt uns nicht nur Geburt, Alter, Krankheit und Tod überall erkennen, sondern auch die lebendige Fluidität von allem im Universum – ständige Bewegung, ständiges Suchen, ständiges Hoffen, ständiges Wachstum, ständiger Verfall – und führt uns damit die sehr grundlegenden Lehren von Shakyamuni Buddha vor Augen. Genau dann, wenn wir diese unaufhörliche Bewegung erkennen, sowohl feine als auch grobe, realisieren wir auch, dass wahre Zuflucht nur in der Stille eines Geistes liegt, der in sich selbst ruht, und in der Freude, die sich von innen heraus entfaltet.
Möge jeder von uns diese unwandelbare und unbezwingbare Freude finden!

Und nun, da ein altes Jahr einem neuen weicht, erinnern wir uns an unsere Lieben und die vielen Freunde, die gegangen sind. Wir denken an viele andere in unserer Sangha, Brüder und Schwestern, die im vergangenen Jahr gesundheitlichen oder anderen

Herausforderungen ausgesetzt waren und diesen Widrigkeiten in wundervoller Weise tapfer entgegentreten, indem sie die Sichtweise des Dharma und die Hingabe zu den drei Juwelen und den drei Wurzeln im Herzen bewahren.

Ich möchte Euch alle ermutigen, in diesem neuen Jahr all unseren Sangha-Freunden und allen fühlenden Wesen, die sich in schwierigen Situationen befinden und in einer Zeit leben, in der die Welt sich scheinbar verändert hat und unvorhersehbar geworden ist, Eure Gebete zu widmen.

Da sich alles, vom Winzigsten bis hin zur Welt in ihrer Gesamtheit, verändert und in ständigem Fluss ist, können wir daraus schließen, dass das einzig wirklich Konstante der Wandel selbst ist.

Wie wir den Umgang mit dem unvermeidlichen Wandel gestalten, ist der Echtheits-Test für uns als Praktizierende. Während wir den Kalender wechseln, müssen wir auch einen Wechsel zum Guten in uns selbst einleiten.

Wir alle müssen unser Bekenntnis zu unserem Praxisweg erneuern – auf dass wir uns jeden Tag in diesem neuen Jahr ein wenig mehr anstrengen, ein bisschen mehr Zeit mit ein bisschen weniger Selbst-Versenkung für unsere Praxis aufbringen; dass wir wahre Freude darüber empfinden, dem kostbaren Buddhadharma begegnet zu sein; und dass diese Freude uns mit mehr Mut und Hingabe antreiben wird, wahre Praktizierende der Lehren des Gautama Buddha zu verkörpern.

Also lege ich nun, da wir in ein neues Jahr starten, jedem nahe, über das Geschenk dieses kostbaren Lebens mit seinem außergewöhnlichen Potential und über den tiefgründigen Dharma, der uns dies erkennen lässt, nachzusinnen.

Mögen wir alle uns das angeborene grundlegende Gute bewusst machen und mutig dessen Potential zu einer mächtigen Deklaration von Güte und Geduld ausbauen.

Es heißt:
“Andere zu kennen, ist Intelligenz, dich selbst zu kennen, ist echte Weisheit.
Andere zu zähmen, ist Stärke, dich selbst zu zähmen, ist wirkliche Kraft.“

Möge jeder von Euch Mut finden, Weisheit, Unterstützung, Segen und Liebe, und Mögen alle Hindernisse in Eurem Leben ausgeräumt werden.
Möge dieses Neue Jahr in unserem Geist ein vertieftes Verständnis des tiefgründigen Buddhadharma hervor bringen und vermehrte Vernunft in der äußeren Welt.

Mit all meiner Liebe,
JKR